Ein PM Camp ist immer für Überraschungen gut – trotzdem möchten wir Euch schon im Vorfeld den einen oder anderen Tipp geben, welche Sessions Ihr dieses Jahr in Berlin erwarten könnt. Heute: Ein Gastbeitrag zum aktuellen Buch „Wrong Turn“ von Lars Vollmer.

Das System blockiert sich selbst

Über „Wrong Turns“ in überregulierten Systemen – Gedanken zum Umgang mit Komplexität in Organisationen

wrongturnDas Sommerwetter ist herrlich. Im Dresdner Norden haben sich tausende junger Menschen unter einer Wolke von Rauch und Grillduft versammelt. Überall entlang der Leipziger Straße brutzeln die Würstchen über Holzkohle. Doch mit dieser scheinbaren großen Party unter freiem Himmel zeigen die Leute den Behörden und offiziellen Stellen vielmehr, wie effektive Führung und Management heute aussehen sollte.

Plötzlich kommt Bewegung in die Menge. Ein Lastwagenkonvoi hält an, die Herumstehenden stellen ihre Bierflaschen zur Seite und gehen in Stellung, um die Fracht abzuladen: Unzählige Sandsäcke wandern von einer Hand zur nächsten und werden am Straßenrand gestapelt. Fertig! Die leeren LKW fahren zurück, um neue Sandsäcke zu laden; die Helfer haben sich Stärkung verdient und wenden sich hungrig und durstig wieder den Grills zu. Sie werden nicht viel Zeit haben, sich zu erholen. Bald werden weitere Laster kommen.

Hochwasser! Die Elbe steht gute sechs Meter über ihrem durchschnittlichen Wasserstand. Die jungen Leute sind ausgezogen, um ihr Dresden gegen die Fluten zu verteidigen, mit Sandsäcken und – Smartphones. Sekündlich ploppen in Facebook Statusmeldungen auf wie „Dresdner Tor braucht weitere Helfer“ oder „ca. 200 gefüllte Sandsäcke stehen in Trachau, Waldemarstraße, zur Abholung bereit!“ Aber auch Meldungen wie: „Haltet durch, wir kommen mit 100 Brötchen und Getränken!“ werden gepostet.

Am 2. Juni 2013 ging die Facebook-Seite „Fluthilfe Dresden“ online. Die Dresdnerin Susann Kriesche hatte mit zwei weiteren Helfern die Idee für die Vernetzung auf Facebook. Schnell wurde die Seite zum Selbstläufer. „In nur wenigen Stunden haben es die Dresdner geschafft, über Dienste wie Twitter und Facebook ein effizientes Netzwerk aufzubauen“, schreibt TecChannel.de zwölf Tage später. Über Social Media haben sich Heerscharen von Sandsackbefüllern, Grillmeistern, Dammbauern und Möbeltransporteuren selbst koordiniert; Hilfsmittel von Schaufeln und wasserfester Kleidung bis hin zu belegten Brötchen gelangten dorthin, wo sie benötigt wurden. Jeder Helfer war zeitgleich informiert und konnte selbst entscheiden, wo seine Hilfe am sinnvollsten gebraucht wurde.

Und die Behörden?

„900 meist freiwillige Helfer von Feuerwehr und Rettungsorganisationen des hessischen Katastrophenschutzes sind auf Anforderung des Sächsischen Innenministeriums größtenteils im Julius-Ambrosius-Hülße-Gymnasium untergebracht und drehen Däumchen“, war auf der Nachrichtenseite n24.de zu lesen – die Facebook-Seite „Fluthilfe Dresden“ war zu diesem Zeitpunkt bereits drei Tage alt. Das Gymnasium befindet sich in Dresden, also dort, wo die erschöpften örtlichen Helfer dringend auf Ablösung warteten. Doch die Freiwilligen aus Hessen brauchten einen Befehl, eine Weisung von oben. Ihr Einsatz war von der zentralen Einsatzleitung für den Landkreis Görlitz vorgesehen, dort war die Lage jedoch relativ entspannt. Also warteten sie. Und warteten. Die Verantwortlichen schauten auf komplizierte Planungen und Modelle und kamen nicht auf das Naheliegende: einfach raus mit den Freiwilligen und helfen lassen! Das System blockierte sich selbst. Es versagte.

Ist das eine Brandrede für mehr Facebook? Nein, natürlich nicht. Mir geht es darum klarzustellen, dass überregulierte Systeme, die auf Planung, Kontrolle, Hierarchien und Organigramme setzen, unübersichtliche Situationen nur schwer bewältigen können. Wenn diese Systeme dann auf noch mehr Kontrolle, noch mehr Planung setzen, um der Komplexität zu begegnen, ist das ein »Wrong Turn«. Es wird die völlig falsche Richtung eingeschlagen. Denn Komplexität kann nur mit Komplexität begegnet werden. Planung ist aber das genaue Gegenteil davon. Planung ist immer linear: wenn – dann, klick – klack. Bleibt das ›Wenn‹ aus, gibt es auch kein ›Dann‹, ohne Klick kein Klack. Die Folge: 900 Experten müssen sitzenbleiben, während um sie herum jede Hand gebraucht wird.

Ob Katastrophenschutz, Gesellschaft oder Wirtschaft – Systeme müssen komplex gestaltet werden. Das heißt nicht, dass in das Organigramm noch ein paar zusätzliche Hierarchien eingezogen werden. Sondern es bedeutet eine gezielt flexible Vernetzung. Konkret: Organisationen müssen dafür sorgen, dass Menschen miteinander reden, miteinander agieren können. Und zwar frei und situationsbezogen. Ohne Modell- und Prozess-Fußfesseln.

Wir brauchen dringend einen Systemwechsel, und zwar weg vom einzelnen Entscheider, der das Handeln bestimmt, hin zu systemischem Denken. Entscheidungen in komplexen Situationen müssen nicht automatisch im Zentrum der Macht eines Organigramms angesiedelt sein, sondern besser dort, wo die Leute direkt am Geschehen beteiligt sind. Führungskräfte haben also nicht mehr die Aufgabe, alle Entscheidungen selbst zu treffen, sondern ein System zu gestalten, in dem es Teams erlaubt ist, in undurchsichtigen Situationen bestmöglich zu entscheiden und bestmöglich zu handeln. Flexible Teams machen auch das System flexibel und damit bereit für komplexe Situationen.

Wichtig: Mit Teams meine ich nicht Gruppen von Menschen, die monolith einer Abteilung angehören. Unter Team verstehe ich vielmehr eine Gruppe von Menschen, die sich je nach Situation und Anforderung immer wieder neu zusammensetzt, so dass die Aufgabenstellung bestmöglich und effizient umgesetzt werden kann. So kommen Denken und Handeln erfolgreich zusammen.

Wenn Unternehmen und Organisationen souverän auf Komplexität reagieren wollen, bleibt ihnen also nichts anderes übrig, als Organigramme und formal gebündelte Machtzentralen einzumotten – und auf flexible Teams zu setzen.

Autor: Lars Vollmer

Der Beitrag soll aus unserer Sicht die V&S-Perspektive auf das Themenfeld „unserer“ Session beleuchten. Damit sollen somit nicht die Inhalte / Arbeitspunkte der Session festgelegt oder gar vorgegeben werden. Dem Open Space-Gedanken folgend rechnen wir damit, dass die Teilnehmer die Inhalte der Session vereinbaren.
[Martin Mittendorf, V&S]

 

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