Oh Motto No Motto, die Warterei ist bald vorbei,
dein Ausspruch hallt in die Welt hinein
und lädt zur Mehrdeutigkeit ein.

Welcher Ausspruch, fragst du dich vielleicht jetzt? Und was soll das mit der Warterei oder der Mehrdeutigkeit? Das Motto des diesjährigen PM Camps Berlin lautet „No Motto“ und birgt in sich ein Paradoxon, denn es gibt ein Motto, also einen Ausspruch, der sich „No Motto“ nennt. Diese Selbstbezüglichkeit erzeugt Un-Sinn oder eine Absurdität, die mit den Worten Goethes „…, mit Geschmack dargestellt, [..]Widerwillen und Bewunderung.“ erregt.

Der Widerwille liegt in dem Widerspruch kein Motto sein zu wollen und doch eines zu sein. Die Philosophie hat sich bereits vor über 2000 Jahren mit diesem Phänomen beschäftigt, sei es Aristoteles mit seinem „Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch“ oder Bertrand Russels „Barbier Paradoxon“, das ausgehend von der Aussage „Man kann einen Barbier als einen definieren, der all jene und nur jene rasiert, die sich nicht selbst rasieren.“ mit der Frage endet: „Rasiert der Barbier sich selbst?“. Aus dem Alltag bekannter ist der „Dunning-Kruger-Effekt“, bei dem Menschen ihre eigenen Kompetenzen überschätzen, denn paradoxerweise kann eine Person die inkompetent ist, nicht erkennen, dass sie inkompetent ist. Das Auseinandernehmen dieser Gedankenkonstrukte erscheint manchem vielleicht als schwerfällig, nichtssagend, hirn- und ziellos. Worin liegt in einer solchen Betrachtung der viel umworbene Sinn? Es ist einfacher diesen Un-Sinn an die Seite zu schieben und mit dem Lesen dieses Textes aufzuhören. Einfache Antworten à la „Schwachsinn“ entlasten zu mindestens psychisch.

Falls du doch weiterliest, bist du (der Ansicht das) ……. !? Fühl dich eingeladen, diesen Satz in deinem Sinne zu vervollständigen.

Zurück zur Thematik: Das Paradoxon lädt uns ein, uns mit den ambigen Signalen Motto – No Motto auseinander zu setzen. Dieses „sowohl als auch“ eröffnet uns eine Freifläche für das Denken und Handeln in Mehrdeutigkeiten. Eine Einladung mehrere Bedeutungen zu zulassen und zu akzeptieren, dass es keine eindeutige Antwort oder in Bezug auf das PM Camp keine thematisch vorgegebene Richtung gibt. Tagtäglich kommen wir mit Ambiguität in Berührung, sei es im Team, mit den Kolleg:innen, im Austausch mit Freunden oder den PM Camp Teilgebenden. Ist es nicht so, dass wir eine Kollegin kennen, die wir schätzen und zugleich nicht schätzen, oder einen Freund, den wir lieben und von dem wir zugleich enttäuscht sind. Und hier spielt nicht nur der menschliche Facettenreichtum eine Rolle, sondern auch der situative Kontext. Das erinnert mich an Situationen am Arbeitsplatz, bei denen zwei Kolleginnen von mir nicht gemeinsam an einem Projekt weiterarbeiten wollten. Außerhalb des beruflichen Rahmens waren sie beide sehr gut befreundet und konnten trotz der beruflichen Auseinandersetzungen gemeinsam Spaß haben. Gerade in solchen alltäglichen Situationen zeigt sich unsere Fähigkeit mehrdeutige Situationen auszuhalten und nicht kurzschlüssige Konsequenzen zu ziehen.

Meine Augen leuchten vor Bewunderung für diese Fähigkeit, denn es beinhaltet für mich die Welt in ihren verschiedensten Schattierungen wahrzunehmen und sich in seiner Verschieden-heit aneinander anzunähern. Sichtweisen, Gedanken, Verhaltensweisen usw. die sich nicht ausschließen, sondern nebeneinanderstehen. Sie ermöglichen mir z.B. Ideen weiter zu denken oder durch die Irritation Gegebenes in Frage zu stellen und in einen inneren Dialog mit mir zu treten. Indem ich das Gespräch suche, versetze ich mich in die Lage mein „Weltbild“ zu erweitern. Zugleich merke ich, wie gerne ich mein „Nicht-Wissen“ nutze, da es mir in meinen Augen erlaubt alles Mögliche auszuprobieren. Meine Neugier packt mich und schickt mich auf Entdeckungsreise. Und neben dem Drang zu Lernen und Neues zu entdecken, kommt der Wunsch nach Entspannung auf, dass wie ein Gummiband am anderen Ende zieht und schon haben wir wieder den „sowohl als auch“ Effekt. Bleiben wir bei dem Bild des Gummibands und schauen uns die folgenden Fragen an:

  • Soll ich mich für das Projekt „Kaleidoskop“ engagieren, obwohl ich nicht einmal einen Vertrag für das nächste Jahr erhalten habe?
  • Soll ich meinem Kollegen Paul, mit dem ich bisher gut zurechtkomme, vertrauen, obwohl mir meine Kollegin Susanne erzählt hat, wie er eine ihrer Ideen als seine ausgegeben hat?
  • Soll das USP Evaluationsverfahren abgelöst werden, obwohl es die meiste Öffentlichkeit erregt?

Tja, ohne die jeweiligen Hintergründe bzw. den Kontext zu kennen, würde ich sagen: sowohl als auch. Engagierest du dich zum Beispiel nicht für das Projekt ist die Frage, inwieweit das Projekt noch finanziert wird und somit eine Vertragsverlängerung unwahrscheinlicher wird. Welche Lernmöglichkeiten entgehen dir ansonsten. Ganz pragmatisch, was wirst du in der Zeit, an der du dein Engagement runterfährst, sonst machen, ins boreout gehen? Ist es vielleicht hilfreich, sich sowohl im Projekt einzubringen als auch nach anderen Betätigungsmöglichkeiten umzusehen?

Bei der Beantwortung der Frage werden die Für und Widers aufgedeckt, das Pro und Contra oder das Yin-Yang. So wird ein positiver Aspekt neben einem negativen stehen und in sich widerstreitend wirken. Mit der Frage „im Projekt einbringen oder nicht“ pendelt einer der vielen Für & Wider Aspekte stärker aus, um somit einen neuen Abschnitt einzuleiten.

In Debattierclubs lässt sich das Für und Wider in par excellence zelebrieren, während manch ein anderer die ewig, wiederkehrenden Debatten in einem Teammeeting gerne durch verbindliche und eindeutige Regeln aus dem Weg räumen möchte. Zwei Fragen bewegen mich bei diesem Gedanken: Wie häufig suche ich bewusst die andere Perspektive auf, d.h. lese ich mir gegensätzliche Ansichten durch oder höre ihnen zu? Und die zweite Frage, ist die nach der Handlungsfähigkeit: Wie komme ich trotz der Widersprüche (in Gruppen) in Handlung? Daran knüpft sich die Frage an: „Wie kann ich das Aushalten von Mehrdeutigkeiten und Unsicherheiten stärken?“.

Was fällt dir dazu ein? Für mich greifen insbesondere die Kunst und die Poesie die Mehrdeutigkeiten auf. Wie häufig habe ich das Bild „Relativity“ des Malers M.C. Eschers betrachtet und durch das Neigen meines Kopfes andere Perspektiven gesichtet. Die Doppelbilder, wie das „Das Bild verschwindet“ von Salvadore Dali oder Rene Magrittes Bild „Dies ist keine Pfeife“ spielen mit dem nicht Eindeutigen. Ebenso können „untitled“ Bilder anregen über die Bedeutung des Bildes nachzudenken. Auch der Eingangsreim ist kein poetisches Werk und doch reiht er sich durch das „nicht greifbar sein“ hier ein. Denn nach der Psychologin Oriel FeldmanHall ist „Das Schlüsselergebnis (…) super-einfach: Je eher Menschen fähig sind, Ambiguität zu tolerieren, desto eher sind sie willens, anderen ihr Vertrauen zu schenken und kooperativ zu sein“.[1]

Wie passend ist da, das Motto „NoMotto“ des PM Camps Berlin. 😊 Ich freue mich auf deine Gedanken zur Ambiguität und möchte dich gerne mit diesem Bild zur Thematik einstimmen.

 

MT (2021): Untitled

[1] Streitbörger, W. (2019): Lernen, mit Mehrdeutigkeit zu leben; (zuletzt abgerufen 26.08.2021)